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Begegnungen auf dem Heiligen Berg Athos


Preis pro Einheit (Stück): 22,80 €


Vorwort:

Helmut A. Haffner hat ein Buch über den Heiligen Berg Athos vorgelegt, das sich von manch anderen Veröffentlichungen über dieses Thema wohltuend unterscheidet. Während viele Autoren, die nur ein einziges Mal den Athos besucht haben, meinen, das Geheimnis dieser Mönchsrepublik bereits verstanden zu haben, hat sich Haffner dieser für den westlichen Menschen so fremden Welt bei zahlreichen Reisen sehr behutsam und langsam, nicht als Tourist, sondern als Pilger genähert. Vorbereitet hat er sich auf den Athos, indem er zunächst andere griechische Klöster, wie etwa jene Felsenburgen der Meteora, besuchte. Mit derselben Bereitschaft, mühsame und teilweise gefährliche Wanderwege unter harten Strapazen auf sich zu nehmen, hat er erfahren, dass das Leben der Athosmönche kein romantischer Spaziergang in paradiesischer Landschaft ist, sondern Verzicht bedeutet auf fast alles, was das Leben eines durchschnittlichen Menschen angenehm und bequem macht.

Dadurch konnte er etwas von der verborgenen Seite des Lebens der Mönche erfahren: von innerer Ruhe, von Frieden und von unmittelbarer Gotteserfahrung.

Seine Erkenntnisse hat Haffner in zahlreichen Gesprächen mit Mönchen und anderen Pilgern gewonnen, ferner durch die Teilnahme an Stunden währenden Gottesdiensten, durch das Erleben der absoluten Stille in langen Nächten im Kloster oder unter freiem Himmel. Dennoch hebt der Autor nicht ab, verliert sich nicht in kritikloser Schwärmerei, sondern befasst sich in seiner Erzählung auch immer wieder mit dem Alltag der kleinen Leute, beschreibt die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die man ihm, dem Athospilger, entgegenbrachte.

 

Helmut A. Haffner versteht es zu schreiben wie einer, der nach langer Reise im Kreis seiner Freunde und Bekannten spannend erzählt. Man hört ihm gerne zu. Seine Erzählungen werden nie langweilig, weil er den Leser nicht mit trockenen Daten und Fakten überhäuft.  Dennoch wird man am Ende einiges mehr über Griechenland im Allgemeinen und über die Orthodoxie im Besonderen, über ihr Mönchtum, ihre Spiritualität und ihre religiöse Praxis wissen. Ein ausführliches Glossar am Ende des Buches erweist sich dabei als sehr nützlich. Die zahlreichen Fotos stammen vom Autor selbst und sollen helfen, sich das Gelesene besser vorstellen zu können. 

 

P. Dr. Gregor Hohmann OSA

 

 

 

Leseprobe

 

 

 

6. In den steilen Südhängen des Athos


Im weiteren Abstieg gingen wir den Pfad dicht an den Felsabstürzen des „Profitis Ilias“ entlang, mitunter durch verwuchertes Urwaldgelände steil hinunter, auf der Suche nach der Skiti „Agiou Vasiliou“. Wir trafen auf ein allein stehendes, verwinkeltes Gebäude, klopften an die Tür, aber keine Antwort kam von drinnen. 

Ein großer Haufen frisch geschnittenes Holz lag wild durcheinander vor dem Haus, ein Zeichen, dass Mönche hier leben müssten, aber sich offensichtlich bei der Arbeit im Wald befanden. Neben dem Holzhaufen lag ein Grab ohne Blumenschmuck. Nur ein kleines Kreuz mit dem Namen des Verstorbenen zierte den Erdhügel. Das Sterbedatum zeigte, dass der Mönch erst vor kurzem verstorben war. Hinter dem Grab befand sich ein niederes, nur anderthalb Meter hohes Häuschen mit einem Dreiecksgiebel und einer breiten Tür, darauf war ein weißes Kreuz gemalt. Es war des Gebeinhaus des Kellions. Beim Öffnen der Tür sahen wir etwa zehn gebleichte Schädel, ordentlich auf einem weißen Tuch nebeneinander aufgestellt. Der Tod hat hier seinen Schrecken verloren. Ehrfürchtig verharrten wir vor diesen markanten Schädeln, und ich fragte mich, was für starke Menschen diese Asketen wohl gewesen sein mögen, die hier ein Leben lang in Gebet und Genügsamkeit verbrachten. 

Es wurde uns bald klar, dass wir noch nicht „Agiou Vasiliou“ erreicht hatten, sondern ein in der Karte nicht vermerktes Kellion. Beim weiteren Abstieg kamen wir an einigen verlassenen Kellien vorbei. Eingestürzte Dächer und Mauern zeugten von der Vergänglichkeit menschlicher Baukunst. 

Mehrere hundert Meter tiefer schimmerte das grünblaue Meer, ein kleines Fischerboot zog seine Spuren in die spiegelglatte See. Es roch plötzlich streng nach Mulis, ein Zeichen, dass unweit Mönche mit ihren Arbeitstieren leben müssen – und so war es. Olivenbäume, Weinreben, Feigenbäume und Gemüsebeete mit Tomaten, Gurken und Zucchini füllten die kleine, fruchtbare Terrasse mitten in der Felsenlandschaft. Da wächst alles, was man zum Leben braucht. 

Versteckt dahinter ein längliches, flaches Anwesen, von Reben fast überwuchert. Ein großes Eisentor davor, es war verschlossen und niemand hörte unser Klopfen. Wir gingen den Weg unterhalb weiter, als von oben ein Mönch gestikulierend rief: „Wir sollten doch hochkommen, das Tor werde geöffnet.“ Eilig gingen wir zurück, erfreut über die Einladung, das Tor stand schon offen. Ein junger Mönch führte uns hinein, an den Muliställen vorbei, immer unter dem Rebendach, das den ganzen Innenhof überspannte. Dann waren wir auch schon auf der Plattform, von der aus uns der Mönch lautstark zugerufen hatte. Er begrüßte uns herzlich, bat uns Platz zu nehmen, zwei weitere Mönche kamen aus dem Haus und gesellten sich zu uns. Einem der beiden gab er den Auftrag, Kaffee und Wasser zu bringen. Daraufhin verschwand dieser im Haus. Wenige Minuten später kam er zurück mit einem Tablett in der Hand, darauf duftender Kaffee, frisches Wasser und für jeden ein kleines Stück Schokolade. Das Tablett stellte er auf den Tisch, verbeugte sich vor dem Mönch und küsste seine Hand. Eine Demutsgeste, die man auf dem Athos immer wieder erlebt. In diesem Augenblick wurde mir klar, dass er der Vorsteher, der Gerontas des Kellions war. Er verteilte die Getränke und die Schokolade an jeden von uns und begann mit tiefer Stimme zu sprechen.

Wir seien seit vielen Tagen die ersten Pilger, die vorbeikamen, und er zeigte sich sichtlich erfreut über unseren Besuch. Nach vielen Stunden Auf- und Abstieg ein heißer Kaffee, unbeschreiblicher Genuss, hoch über den Klippen von „Katounakia“, der Asketenkolonie. Die Nachmittagssonne schien voll in diesen Adlerhorst, oder besser gesagt, zu denen, die hier in der „Wüste“ leben. Die radikalsten Asketen, radikal im Sinne von „das Übel mit der Wurzel ausreißen“, die alles hinter sich lassen, nur auf der Suche nach Gott, das sind die wirklichen Alternativen.

Der Gerontas, ein kräftiger, braungebrannter Mann um die fünfzig, stellte viele Fragen, beantwortete manche sogar selbst, und hatte eine charismatische Ausstrahlung. Auch war er gut informiert über die Dinge, die in der Welt passieren. Seine wichtigste Frage war: „Warum arbeitet ihr soviel, seid nur hinter dem Geld her, und wenn ihr ein Auto habt, wollt ihr noch ein zweites?“ Und gleich hinterher die Frage: „Wann lebt ihr eigentlich? Ihr lebt am Leben vorbei!“ Er meinte natürlich nicht uns persönlich, die wir um ihn herumsaßen, sondern er meinte die sogenannte zivilisierte Gesellschaft. Er erzeugte Nachdenken mit seinen Fragen und Feststellungen. Dann fuhr er fort und sagte: „Ich bin Kreter, geboren in Chania, der schönsten Stadt Kretas, ich hatte bis vor fünfzehn Jahren einen Souvenirladen in der Stadt. Meine Lieferanten hatten mich immer mehr in Abhängigkeiten verstrickt, und wenn ich nichts verkaufte, musste ich trotzdem die ganze Ware bezahlen. Ich dachte nur noch an Geld, Schulden und Umsatz. Als ich die Sinnlosigkeit des Ganzen erkannte, entschloss ich mich von heute auf morgen mit dem wahren Leben zu beginnen. Ich ließ alles hinter mir, wurde Mönch auf dem Heiligen Berg und habe seither meinen Frieden gefunden.“


 

 

 




 







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